Immunität und Empire. Rasse, Krankheit und die neue Tropenmedizin, 1900-1920 – Warwick Anderson

Anfang des 20. Jhdt.s drehen sich viele Diskussionen in der Kolonialpolitik Großbritanniens um Vorstellungen von Prädispositionen für Krankheiten auf der einen und angeborene Immunität gegen sie auf der anderen Seite. Der Historiker Warwick Anderson untersucht die Vorstellungen von „Rasse“, die in der Tropenmedizin dieser Zeit diskutiert werden. Einheimische etwa auf den Philippinen werden zunächst als mögliche widerstandsfähige Infanteristen gesehen, während (Nord-)Amerikaner und Europäer in gesundheitlicher Hinsicht kaum zu gebrauchen sind. Es ist von einem „Totalausfall der Vitalmaschine“ die Rede, die Schwächung der körpereigenen Abwehrkräfte mache die Fremden besonders anfällig für Krankheiten wie MalariaTyphus oder die Pocken. Umgekehrt scheinen die Einheimischen besonders anfällig für Tuberkulose zu sein. Die Theorien der Tropenmediziner, was die „rassenspezifische“ Anfälligkeit für Krankheiten anbelangt, speisen sich dabei häufig aus Anekdoten und führen sogar zu eugenischen Überlegungen, Einheimische und Amerikaner/Europäer durch die Etablierung von Mischehen zu „kreuzen“ und so die jeweiligen Widerstandskräfte zu bündeln. Auch die Idee, Impfungen mit dem Blut Einheimischer durchzuführen wird durchgespielt. Mit der Vorstellung, dass die Philippinos gegen bestimmte Krankheiten eine natürliche Widerstandskraft besitzen, geht umgekehrt die Überzeugung einher, dass Diejenigen, die trotzdem an ihnen erkranken, sich regelrecht „im Schmutz wälzen“ müssen. Nach und nach verabschiedet sich die Bakteriologie allerdings von der Vorstellung einer angeborenen Immunität und übernimmt verstärkt Pasteurs Idee einer erworbenen Immunität. Die Beobachtung der „Phagozytose“ durch Metchikoff 1884 (weiße Blutkörperchen nehmen fremde Organismen auf und verdauen sie) und die Entwicklung eines Serums gegen Tiertetanus durch Behring und Kitasato 1890 löst eine großangelegte Antikörpersuche in der Bakteriologie aus. Die „Rassendiskussion“ verlagert sich auf die Idee kultureller Anfälligkeiten, hygienische Praktiken werden kritisiert und regelrechte „Hygienemissionare“ werden auf den Plan gerufen. Das argumentative Tandem von „Rasse und Vererbung“ wird also durch das von „Rasse und Kultur“ ersetzt, der diskriminierende, eurozentrische Ton bleibt der Diskussion allerdings erhalten.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                                    P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

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